We sell or else.

DAVID OGILVY

Talk low, talk slow and don't say too much.

JOHN WAYNE

Glück ist das Billigste auf der Welt.

ERICH FROMM

People loved me in 'Titanic'.

CATE BLANCHETT

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Lauter Idioten?


Lieber tc!
Sagen Sie einmal – bitte, weil Sie es ja wissen müssen. Was bitte machen die ganzen Idioten im Werbefernsehen? Einer schmust mit sein’ Leiner-Sesserl, der andere haut sich auf den Finger und kann nicht telefonieren. So ein Softy wird von einer super kessen Biene verfolgt und hat kein T-mobile-Handy zum Anrufen, der andere wieder zieht sich die Bok aus und alle fallen in Ohnmacht, weil’s so stinkt, aus seinen Geox-Latschen, der Typ rast aufs Dach vom Hornbach und reißt einen Mörder-Stern mit seinem Moperl... Wieso zeigen die nur mehr irgendwelche Narren? Mir gehen die alle schwer auf den Wecker. Wer soll sich damit identifizieren?


Kevin Adler, Optikerlehrling

Lieber Herr Adler!
Danke, dass Sie das so auf den Punkt bringen und mir Gelegenheit zur Stellungnahme geben. Der Idiot (von griechisch ιδιότης, idiótes „Privatmann“, „einfacher Mensch“; im Sinne von „ungeübter Laie“, „Stümper“ zu lateinisch idiota, idiotes) war in der griechischen Antike ein Mensch, der sich weigerte, sich politisch zu engagieren, sagt das Lexikon. Ein Synonym also für einen einfachen Menschen, der etwas von einem Ignoranten hat, sage ich, im Neudeutsch würde man solche Leute Dodel oder Koffer nennen, im wienerischen Weh. Jetzt, wo sie es schreiben, sehe ich das vermehrte Auftreten solcher Role-Models oder sollte man sagen Role-Idiots auch ganz deutlich, nahezu als Megatrend. Nach längerer Analyse komme ich zu folgenden Erklärungsmodellen:
1./ Die sozio-demografische Deutung.
Die Rolle des Mannes hat sich gewandelt, Marktforscher haben erkannt, dass sich der Mann in einer Entwicklungsphase befindet, in der er dramatisch degeneriert. Die Werbung greift diese Tendenz auf und verstärkt sie, um im Bereich dieser Entropie Themenführer zu werden. Dekadenz als Methode.
2./ Der emanzipatorische Ansatz.
Kaufentscheidungen werden zu einem hohen Prozentsatz von Frauen getroffen oder zumindest mitbestimmt. Die Werbung muss also die Frau als Opinon-Leader überzeugen. Frauen lieben hilflose Männer, das weckt in ihnen einen Mutterinstinkt. Benimmt sich der Mann auch noch völlig daneben und unbedarft wie ein kleines Kind, deckt das Macht- und eventuelle Rachegefühle der Frau ab, den glühenden Wunsch nach Vergeltung für jahrhunderte lange Diskriminierung, die Lust an Schadenfreude. So werden zutiefst emanzipatorische Grundbedürfnisse befriedigt – eine geniale Strategy.
3./ Die rezessive Tendenz.
Rezession ist in der Werbung ein unanständiges Wort und wird in der Öffentlichkeit daher nicht erwähnt, höchstens hinter vor gehaltener Hand. Man schwärmt lieber von einem verblüffenden Wirtschaftswachstum in Österreich, das die Werbung im Windschatten mitzieht und zwar steil bergauf. Von der Werbekrise früherer Jahre ist allerdings eines geblieben: Der Sparstift. Sparefroh feiert fröhliche Urständ’, „Geiz geil“, falls Sie das schon gehört haben. Es liegt also nahe, dass es sich hier um reine Sparmassnahmen handelt, so genannte low-budget-Produktionen. Die Darsteller sind nicht teure Schauspieler, die Spots wurden einfach mit den Textern als Hauptdarsteller besetzt. Solche Angebotspakete „all inklusive“ sind heute in der Kreation sehr beliebt. So ist es nicht verwunderlich, dass hier arme Schweine gezeigt werden, die knapp am Burnout entlangschrammen, gepeinigt von Ideenflucht, dem Hass dominanter Kreativdirektoren und verunglückten Beziehungen, in ständiger Zickengefahr. Da wird ein amouröses Abenteuer mit dem Bettvorleger plausibel. Und so kommt es eben zu vermehrtem Erscheinen von „average people“ in unserer heimischen Werbung – ein Trend, der voraussichtlich erst am Anfang steht. Dieser Ansatz erscheint mir am wahrscheinlichsten, aber suchen Sie sich Ihre Lieblingstheorie einfach selbst aus, Herr Adler, schreiben Sie mir doch mal wieder, wenn Ihnen etwas auffällt. Und – als angehendem Optiker geben ich Ihnen noch den Rat: Sehen Sie nicht so genau hin, drücken Sie dann und wann einfach ein Auge zu, oder besser – beide.

Beste Grüße, Ihr tc-Redakteur